Foto: Leupolt/Bistum Fulda.Der Bischof von Fulda Heinz Josef Algermissen hat bei der Eröffnungsmesse des Kongresses "Freude am Glauben" in einer Predigt die Gender-Ideologie und das Familienbild des Zentralkomitees der deutschen Katholiken kritisiert. Gender Mainstreaming sei eine Ideologie, die der Wirklichkeit und der Integrität der menschlichen Natur völlig entgegenstehe. Das christlich-jüdische Werte- und Menschenbild werde durch diese Ideologie auf dramatische Weise bedroht. 

Die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 9. Mai 2015 habe sich für die kirchliche Lehre über Ehe und Familie als destruktiv erwiesen, obgleich sie vorgebe, „zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen“ zu wollen. 

Der Durchblick dokumentiert die Predigt im Wortlaut.

Hier können Sie auch eine Videoaufzeichnung der Predigt sehen.

 

 

 


DER BISCHOF VON FULDA

Predigt im Pontifikalamt
zur Eröffnung des Kongresses „Freude am Glauben“
am Freitag, 31. Juli 2015, 13.30 Uhr im Hohen Dom zu Fulda

Biblische Bezugstexte:
Lesung: 1 Joh 4, 9-16
Evangelium: Mk 10, 1-12


In den letzten Jahren sind die katholischen Positionen zu Ehe und Familie verstärkt in eine kontroverse gesellschaftliche Diskussion geraten. Oft tauchen dabei polemisch geprägte Argumente auf, die in zunehmend aggressivem Ton vorgebracht werden. Als Stichwort nenne ich eine Ideologie, die der Wirklichkeit und der Integrität der menschlichen Natur völlig entgegensteht: das sogenannte „Gender-Mainstreaming“. Laut dieser Ideologie kann der Mensch je nach eigenem Belieben definieren, ob er Mann oder Frau ist, und er kann auch seine sexuelle Ausrichtung frei wählen.
Bis vor einiger Zeit dachte ich, ein solch absurder Ansatz würde sich bald selbst überholen und entlarven. Offensichtlich ist dem nicht so, ich habe mich getäuscht. Die Gender-Strategen unter den Politikern lassen nicht locker, wollen den substanziellen Geschlechterunterschied auflösen. Das christlich-jüdische Werte- und Menschenbild wird dadurch auf dramatische Weise bedroht. Wer dagegen aufbegehrt, wird als „Reaktionär“ bezeichnet.

Angesichts der Gefährdung, der in solcher gesellschaftlicher Großwetterlage die sakramentale Ehe und die christliche Familie ausgesetzt sind, halte ich es für dringend und notwendig, dass sich unser Kongress 2015 mit diesem Thema beschäftigt, um Stellung zu beziehen und die Fundamente eines katholischen Verständnisses von Ehe und Familie in positiver Weise neu zu verdeutlichen. Und das umso dringender, als sich die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 9. Mai dieses Jahres für die kirchliche Lehre über Ehe und Familie als destruktiv erwiesen hat, obgleich sie vorgibt, „zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen“ zu wollen.
Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, die Grundprinzipien zu beachten, die ich in den Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola kennengelernt habe, dessen Fest wir heute feiern: nämlich die Schwächen und Schatten ehrlich feststellen und die „Unterscheidung der Geister“ erreichen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Am 22. November 1981 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein bedeutendes Apostolisches Lehrschreiben „Familiaris Consortio – Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“. Die Lage der Familien sei, so schrieb der Hl. Vater damals, von „Licht und Schatten“ gekennzeichnet, sie weise positive und negative Aspekte auf. „Die einen sind Zeichen für das in der Welt wirksame Heil in Christus, die anderen für die Ablehnung, mit der der Mensch der Liebe Gottes begegnet“ (Nr. 6).
Wer in der Rezeption der theologischen Grundaussagen von „Familiaris Consortio“ von vornherein einen Gegensatz von theologischer Idealvorstellung und konkreter Lebenswirklichkeit hineindeutet, wie häufig geschehen, konstruiert damit einen Widerspruch, der zwangsläufig in argumentative Sackgassen führt, weil nämlich dann nicht nur ein Ideal gegen die Realität ausgespielt, sondern als theoretischer Überbau und Projektion abqualifiziert wird.

Eine Auflösung dieser Gegensätze gelingt nur, wenn man die theologischen Aussagen des Lehrschreibens als umfassende heilsgeschichtliche Argumentation begreift, in welcher Ehe und Familie bereits in der Schöpfungsinitiative Gottes angelegt sind, im Erlösungswerk Jesu ihre definitive Bedeutung erhalten und im Leben von Kirche und Welt eine konstitutive Aufgabe einnehmen.

Papst Benedikt XVI. erweitert in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ die heilsgeschichtliche Perspektive um einen interessanten Aspekt, wenn er hervorhebt: „Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt; die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe“.
Nur im Kontext dieses profunden Ansatzes können wir einstimmen in das Wort Jesu im Markus-Evangelium (10, 9): „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ und ist zu verstehen, was der erste Johannesbrief meint: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (4, 16).

Getragen von dieser bleibenden, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien heute vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Eltern verzichten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiten ihre Kinder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung.
Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei mitunter bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, nicht selten sogar darüber hinaus.
Unsere Gesellschaft nimmt diesen Einsatz für den anderen wie selbstverständlich hin. Er ist aber nicht selbstverständlich. Und deshalb gebührt den Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.

In der heutigen Zeit verbreiten die Familien also viel Licht.
Aber auch die Schattenseiten sind unübersehbar. Ich denke an die deutlichen Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft: Verwahrloste Elternhäuser, überforderte Mütter und Väter, Kinderarmut. Und die Tatsache macht mir große Sorgen, dass die Form des Zusammenlebens der Eltern zunehmend vergleichgültigt und dem liberalen Zeitgeist der Gesellschaft geopfert wurde. Für die katholische Kirche bilden hingegen grundsätzlich Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit. Die rein funktional verstandene Definition von Partnerschaft, wonach Familie überall da wäre, wo Kinder sind, ist eine schlimme Umbeugung des Familienbegriffs.
In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, an dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können.

Zwar kann und darf die Kirche ihre Augen nicht angesichts der besonderen Belastungen verschließen, die Getrenntlebende und Alleinerziehende zu bewältigen haben. Mit Nachdruck haben die letzten Päpste dazu aufgefordert, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebens- und Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen. Aber das darf nicht dazu führen, den Stellenwert der in Freiheit auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Tatsache, dass sich viele junge Menschen bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Sie sehen in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens. Andere Werte wie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit treten gleichrangig hinzu. In der Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen. Viele Ältere stehen dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen haben.
Aber wir alle müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Belastungen, die Familien tragen, heute andere sind als früher. Auf diese veränderte Situation müssen wir antworten. Es ist Aufgabe unserer Kirchengemeinden, junge Menschen unterstützend zu begleiten, damit sie sich in der Lage sehen, den vorhandenen Kinderwunsch tatsächlich zu realisieren. Dabei muss aber stets die auf die Ehe gegründete Familie im Zentrum unserer Bemühungen stehen.

Die Familien sind die Keimzelle jeder Gesellschaft, und damit auch der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben. Die Erziehung zu Glaube und Gebet hat Papst Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen ist (Familiaris Consortio Nr. 55).
Ehe und Familie gehören zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Es ist unsere Aufgabe, dieses hohe Gut im christlichen Verständnis zu leben, weiterzugeben und sich für dessen Erhalt mit allem Nachdruck einzusetzen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Auf diesem Hintergrund und im Spiegel einer sich mehr und mehr in Formlosigkeit auflösenden Gesellschaft bin ich so dankbar für die Sammlungsbewegung des „Forums deutscher Katholiken“, in der sich glaubenstreue Frauen und Männer aus verschiedenen Generationen zusammengeschlossen haben, denen die Verbindung zu Jesus Christus und seiner Kirche Quelle zur Hoffnung und Freude ist. Was wir in dieser konfusen Zeit brauchen, sind tief Überzeugte. Denn nur sie können andere überzeugen.
Bitte helfen Sie mit, dass wir das kostbare Gut glaubenstreuer Ehen und Familien nicht verlieren. Dazu möge uns dieser Kongress einen kräftigen Impuls und Gottes Segen geben! Amen.

 


 

Willkommen auf unserer Homepage!

Der Durchblick e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Verkündigung des katholischen Glaubens sowie für das Lebensrecht einsetzt.

 

Zitat des Moments

»Katholizismus, ganz besonders in diesen Tagen, ist nicht mehrheitsfähig. Begeben wir Katholiken uns auf den Marktplatz, müssen wir zickzack rennen, denn es wird aus allen Rohren gefeuert. Doch natürlich bleibe ich katholisch. Geht gar nicht anders. Jetzt erst recht.«

Matthias Matussek, »Spiegel«-Redakteur, in seinem Buch: »Das katholische Abenteuer: Eine Provokation. Ein SPIEGEL-Buch.«