Landtagsabg. Dr. Gudrun Kugler, Foto: KuglerChristen haben vor allem außerhalb Europas unter Verfolgung zu leiden. Aber die Diskriminierung hat inzwischen auch im ehemals „christlichen Abendland“ besorgniserregende Ausmaße erreicht. Das belegt das Wiener „Dokumentationsarchiv der Intoleranz gegen Christen“. Es hat gegenwärtig rund 1.400 individuelle Fälle in Westeuropa dokumentiert. Karsten Huhn sprach darüber mit der Leiterin des Instituts, der Juristin Dr. Gudrun Kugler.

 

Frau Kugler, wo gibt es bei uns Intoleranz gegen Christen?

Sowohl die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als auch der Europarat warnen vor einer Zunahme der Intoleranz gegen Christen. Diskriminiert werden nicht alle, die einen Taufschein haben, sondern vor allem die Christen, die versuchen, ihr Leben an der Lehre der Bibel zu orientieren – also eine eher kleine Minderheit in Europa. Zudem erfahren wir fast jeden Tag von Graffiti-Schmierereien auf Kirchen, Einbrüchen in Gotteshäusern. Vor allem in Frankreich und Deutschland kommt es zu Vandalismus an Kirchen.

Warum gerade in diesen beiden Ländern?

Jedes Land hat seine spezifischen Probleme. In Deutschland werden christliche Veranstaltungen häufig von Linksradikalen blockiert, etwa der sich vor allem gegen Abtreibungen richtende „Marsch für das Leben“ in Berlin. In Frankreich ist ein aggressiver Atheismus weit vorangeschritten. Dort werden Kirchen und christliche Friedhöfe am häufigsten geschändet – übrigens weit öfter als Synagogen und Moscheen. Laut dem französischen Innenministerium gab es im Jahr 2010 621 Übergriffe gegen religiöse Stätten. Davon richteten sich 84 % (521) gegen christliche, 8 % (57) gegen islamische und 7 % (42) gegen jüdische Einrichtungen. Bedauerlicherweise nimmt die Zahl der Fälle von Jahr zu Jahr zu. Im Jahr 2012 waren es bereits 707 Fälle – 583 gegen christliche, 84 gegen muslimische und 40 gegen jüdische Stätten.

Wer sind die Täter?

Vandalismus ist immer auch Ausdruck einer weit verbreiteten Ablehnung der Kirchen. Es gibt mehrere, die so denken, aber nur wenige Radikale, die solche Taten auch ausführen. Um allerdings dazu in der Lage zu sein, braucht es aber neben dem Hass auf die Kirche in der Regel auch eine psychische Störung.

Vielleicht handelt es sich häufig nur um einen Lausbubenstreich?

Die Polizei unterscheidet bei ihren Ermittlungen, ob es sich um eine spontane Aktion betrunkener Jugendlicher handelt oder ob sogenannte Hassverbrechen vorliegen. Es ist doch offensichtlich, ob beim Fußballspiel ein Kirchenfenster eingeschossen wurde oder jemand gezielt den Altar verwüstet und eine antichristliche Botschaft an der Wand hinterlässt. Solche Hassverbrechen dienen nicht nur der Zerstörung, sondern schüchtern auch die Gemeinschaft ein.

Hat Gewalt gegen Kirchengebäude zugenommen?

In Europa breitet sich seit Jahrzehnten eine radikale Säkularisierung aus. Unsere Gesellschaften werden also immer weniger von christlichen Grundüberzeugungen geprägt. Viele sehen Religion als „Opium für das Volk“ an, etwas, was nur für die Alten, Schwachen und Kranken bedeutsam ist. Wer in öffentlichen Debatten religiöse Argumente bringt, wird schräg angesehen. Religion wird als aufdringlich empfunden und sollte bitte schön Privatsache bleiben. Inzwischen denken auch viele Christen so: nur nicht auffallen und anecken! Bedingt durch dieses Grundklima können sich Hass und Gewalt gegen das Christentum ausbreiten.

Warum sind die Fälle kaum bekannt?

Das hat einen einfachen Grund: In den meisten europäischen Staaten werden christliche Gebäude als öffentlich klassifiziert, aber nicht als kirchlich. Eine geschändete Kirche wird also in der gleichen Kategorie erfasst wie ein mit Graffiti beschmiertes Regierungsgebäude. Angriffe auf Moscheen und Synagogen werden dagegen gesondert registriert. Deshalb ist die Erhebung von verlässlichen Statistiken auch so schwierig.

Sie leben im katholisch geprägten Österreich. Geht es bei ihnen friedlicher zu?

Leider nein. Die christliche Prägung in unserem Land verdampft. In Österreich gibt es etwa zwei Kirchenschändungen pro Tag.

Woher kommt der Hass?

Es gibt drei Gruppen, die sich besonders gegen das Christentum mobilisieren: radikale Feministen, radikale Atheisten und radikale Homosexuelle(nverbände). Es ist auch verständlich, dass diese drei Gruppen ein Problem mit vielen Kirchen haben. Die Ziele, für die sie kämpfen, werden von der Mehrheit der Kirchen nie Zustimmung bekommen können. Aus ihrem Ärger formulieren sie Sprüche wie: „Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben.“

Beim jüngsten „Marsch für das Leben“ am 17. September in Berlin hieß es u. a.: „Wir sind die Perversen, wir sind euch auf den Fersen.“

Im Internet kursieren auch Videos, in denen beim „Marsch für das Leben“ entwendete Kreuze zu Hardrock-Musik zertrümmert werden. Christen sollte das nicht überraschen. Jesus Christus hat uns angekündigt, dass wir mit Widerstand zu rechnen haben, und sagte: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen“ (Johannes 15,20). Allerdings bedeutet das nicht, dass wir die Hände in den Schoss legen. Stattdessen sollten die Christen weiter in der Öffentlichkeit auftreten und noch beherzter für christliche Überzeugungen eintreten. Das tun wir noch viel zu wenig.

Was können Christen tun?

Viele Christen benehmen sich derzeit wie eine beleidigte Mehrheit. Faktisch sind wir aber längst zu einer Minderheit geworden. Minderheiten bleibt nichts anderes übrig, als kreativ zu werden. Wir sollten an den Schlüsselstellen, also in der Politik, Kultur und Wissenschaft, präsent sein. Da können Christen von Feministen viel lernen: Denen ist der Marsch durch die Institutionen gelungen. Und nicht nur das: Inzwischen haben sie allein in Deutschland mehr als 200 Gender-Lehrstühle eingerichtet.

Die wenigsten Christen schlagen eine Universitätslaufbahn ein.

Dann empfehle ich das alte Pfadfinder-Motto: „Jeden Tag eine gute Tat“. Das beginnt in den sozialen Medien: Es hilft, jeden Tag einen Beitrag zu kommentieren oder zu teilen, einen Leserbrief an die Zeitung zu schreiben oder einen Brief an einen Politiker. Wenn das viele Christen machen, beeinflussen sie die Debatten und können etwas verändern. Der jüdische Professor für Völker- und Europarecht, Josef H. Weiler, schreibt in seinem Buch „Ein christliches Europa“, dass sich die Christen in Europa in ein Ghetto haben drängen lassen und Angst haben, etwas zu sagen. Aus diesem Ghetto müssen wir raus! Wir müssen deutlich machen, dass Glaube nicht Privatsache ist, sondern dem öffentlichen Wohl dient.

Sie verfolgen die Entwicklung Europas mit Sorge. Warum?

Die Gesetzgebung in vielen europäischen Ländern entwickelt sich in Richtung Intoleranz gegenüber Christen. Wir haben mit einem Team von Juristen in allen EU-Ländern die Gesetze untersucht. Das Ergebnis: Es gibt 42 Gesetze in 15 EU-Ländern, die die freie Religionsausübung von Christen einschränken. In vielen Ländern kommt es häufig vor, dass ein Gynäkologe, der die Durchführung von Abtreibungen aus Gewissensgründen ablehnt, nicht befördert oder gar nicht erst eingestellt wird. In Österreich sind Apotheker verpflichtet, die „Pille danach“ zu verkaufen – was für Christen ein Gewissensproblem darstellt. Ein weiteres Beispiel sind Standesbeamte: In vielen Ländern wird derzeit die „Homo-Ehe“ eingeführt. Sind christliche Beamte künftig verpflichtet, sie durchzuführen, oder können sie das aus Gewissensgründen ablehnen? Einerseits müssen Beamte die Gesetze ihres Landes umsetzen, andererseits sollte man Möglichkeiten schaffen, dass auch gläubige Menschen in der Gesellschaft und den Ämtern Platz haben. Wenn ein anderer im Standesamt die gleichgeschlechtliche Zeremonie durchführen möchte, sollte der Christ nicht gezwungen werden. Solche Fälle werden derzeit in den Niederlanden und in England diskutiert. Die Kritik an gelebter Homosexualität wird von den Gerichten zunehmend als „Hassrede“ angesehen. In Frankreich, Schweden und in England hat solche Kritik, etwa wenn sie ein Prediger unter Verweis auf die Bibel äußert, bereits zu Verhaftungen geführt. In Frankreich wurde zum Beispiel ein Politiker zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, nachdem er in einer Fernsehsendung vorgelesen hat, was der Katholische Katechismus zum Thema Homosexualität sagt. In dritter Instanz wurde er freigesprochen.

Auch die Versammlungsfreiheit für Christen sehen Sie in Gefahr. Warum?

Wir haben – besonders in Deutschland und Österreich – immer wieder gewalttätige Gegendemonstrationen gegen christliche Veranstaltungen. Die Linksradikalen verhalten sich dabei äußerst aggressiv. Es scheint der Polizei derzeit manchmal kaum möglich, eine störungsfreie Ausübung der Versammlungsfreiheit zu gewährleisten. Auch im Bereich der Vereine gibt es Einschränkungen: In England gibt es christliche Vereine, die keine Chance auf öffentliche Fördergelder mehr haben, wenn sie nicht einen Ethikcodex unterschreiben, der die Förderung von Gender-Mainstreaming und die Anerkennung von Homosexualität vorsieht. Ein christliches Altersheim in England lehnte es beispielsweise ab, Broschüren auszulegen, die darlegten, wie man Homosexualität im Alter auslebt. Darauf verlor das Heim die staatliche Unterstützung. Erst nach einem fünf Jahre andauernden Prozess bekam die Einrichtung recht. Der Prozess kostete umgerechnet mehr als 140.000 Euro und führte fast zum Zusammenbruch des Heims.

Sie kritisieren auch die geplante EU-Gleichbehandlungsrichtlinie. Welche Vorbehalte haben Sie gegen Gleichbehandlung?

Wenn die Richtlinie in Kraft träte, würden Menschen mit religiös begründeten Standpunkten diskriminiert. Ein christlicher Druckunternehmer dürfte dann zum Beispiel einen Auftrag mit anstößigen Abbildungen nicht mehr ablehnen oder ein jüdischer Hotelier einer radikal-muslimischen Organisation nicht die Nutzung seiner Räume verweigern. Vor kurzem weigerte sich in Nordirland ein christlicher Konditor, eine Torte für eine „Homo-Hochzeit“ zu backen, weil dies gegen seine religiösen Überzeugungen verstoße. Das Paar reichte Klage ein, und das Gericht entschied, dass die Bäckerei gegen Anti-Diskriminierungsgesetze verstoßen habe. Wenn die EU-Gleichbehandlungsrichtlinie in Kraft träte, gäbe es solche Fälle künftig in ganz Europa.

Probleme sehen Sie auch bei den Rechten für Eltern – besonders in Deutschland.

Eltern haben das Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen. Dazu zählt auch das Mitbestimmungsrecht über den Schulunterricht. Wenn an Schulen beispielsweise eine „Sexualität der Vielfalt“ propagiert wird, sollten Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kinder von einem solchen Unterricht abzumelden. Wenn bereits in Volksschulen über Samenspende und Leihmutterschaft informiert und verschiedenste sexuelle Orientierungen und Identitäten als gleichberechtigt und sozusagen zur Auswahl nebeneinandergestellt werden, oder wenn Kinder in Kindergärten durch Bücher wie „Prinz sucht Prinz“ oder „Mein Vater ist schwanger“ geprägt werden und gleichzeitig die traditionelle Familie als Auslaufmodell dargestellt wird, fühlen sich Christen zurecht in ihren Elternrechten eingeschränkt. Sein Kind von solchen Unterrichtsinhalten abzumelden, ist in Deutschland aber ebenso wenig möglich wie Heimunterricht.

Wagen Sie eine Prognose, wie es um die Religionsfreiheit in zehn Jahren bestellt sein wird?

Der US-Forscher Ryan T. Anderson sieht Europa an einem Scheideweg: Entweder werden christliche Positionen toleriert – wenn auch belächelt –, oder sie werden rechtlich ausgemerzt. Wie das in zehn Jahren sein wird, weiß ich nicht. Entscheidend wird sein, ob die Christen sich einmischen und mitgestalten. Klar ist: Wir befinden uns derzeit im Rückzug. Es geht nicht mehr darum, christliche Positionen auf breiter Basis einzubringen, sondern nur noch darum, ob in einer pluralistischen Gesellschaft auch christliche Positionen ihren Platz haben. Meine Hoffnung ist, dass das Christentum wieder zu einer prägenden Kraft in Europa wird.

Vielen Dank für das Gespräch!
www.intoleranceagainstchristians.eu

 Zuerst erschienen in ideaSpektrum 45/2015


 

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»Dem wahren Gesicht des Islam begegnet man nicht auf der deutschen Islamkonferenz. Man begegnet ihm in Ländern wie Pakistan.«

Der Berliner Autor Zafer Senocak, in einem Kommentar für die Theo van Gogh Gesellschaft, zitiert von kath.net, 04.01.2008