30.9.2011

Wenn das Geld im Kasten klingt…

 

Anfang vom Ende der Kirchensteuer? – Eine Nachbetrachtung des Papstbesuchs

 

Papst Benedikt XVI. hat alle überrascht. Er erwies sich bei seinem Deutschlandbesuch einmal mehr als Querdenker. Als einer, der, von einem starken Glauben und festen Überzeugungen ausgehend, festgefahrene Denkmuster aufbricht und neue Perspektiven eröffnet. Das Lob der Ökobewegung der 1970er-Jahre mit dem Plädoyer für eine Wiederentdeckung des Naturrechts zu verbinden oder das Gottesringen Martin Luthers positiv zu würdigen und gleichzeitig einer oberflächlichen Ökumene eine Absage zu erteilen und die evangelische Seite an ihre Verpflichtung in Sachen Lebensrecht zu erinnern, waren Äußerungen die auch Papstgegner aufhorchen ließen und so manches Zerrbild über den Pontifex zurechtrückten.

Auch in einem anderen Punkt ließ er seine Gegner aufhorchen und manch Kirchenfunktionär erschrecken: Am letzten Tag seines Besuches, in Freiburg, plädierte der Papst für eine arme, entweltlichte Kirche. Eine Kirche, die weniger durch organisatorische und materielle Kraft, sondern vielmehr durch spirituelle Stärke wirkt.

Die weltlichen Medien haben das päpstliche Wort verstanden. Sie sahen darin eine Infragestellung der Kirchensteuer und eine deutliche Kritik an den kirchlichen Strukturen und Funktionären in Deutschland. Letztere wollten nicht verstehen und beginnen bereits die päpstlichen Worte schönzureden. Anzeichen für ein wirkliches Umdenken, sind nicht zu erkennen.

Kein Wunder. Die Angriffe auf den Papst in den letzten Monaten erfolgten nicht nur von außen sondern auch von innen. Es waren vor allem auch kirchensteuerfinanzierte Institutionen und Personen, die kirchliche Lehren und die Autorität des Papstes infrage stellten. Und es sind die Heerscharen von gutbezahlten Hauptamtlichen, die in den vergangenen Jahrzehnten es nicht nur unterließen, den unverfälschten Glauben an die ihnen Anvertrauten weiterzugeben, sondern oft genug vielen Suchenden Häresien eintrichterten. Wenn der Papst – nach unzähligen unfruchtbaren Appellen an die deutsche Kirche – nun das Nervenzentrum des kirchlichen Apparats, nämlich die Kirchensteuer infrage stellt, so ist dies nicht einfach eine geniale Revanche für den andauernden Ungehorsam, sondern echte pastorale Sorge um die Menschen in seiner Heimat. Eine Sorge, in der ihn die Gläubigen unterstützen sollten.

Und noch etwas: Immer mehr praktizierende Katholiken haben Gewissensbisse, mit ihrer Kirchensteuer Einrichtungen und Funktionäre zu finanzieren, die offen gegen die Kirche arbeiten. Und suchende und fragende Menschen – vor allem Jugendliche – nicht für den katholischen Glauben begeistern, sondern sie in eine antikirchliche Haltung steuern. Wie gehen die Bischöfe mit diesen Gläubigen um? Im Vorfeld des Papstbesuchs ist viel von Barmherzigkeit die Rede gewesen. Gilt diese Barmherzigkeit auch für die, die aus Gewissensgründen die Kirchensteuer nicht mehr zahlen wollen, sich aber dennoch zu Glauben und Kirche bekennen und bereit sind, ihre finanziellen Mittel anderweitig zur Verfügung zu stellen? Oder soll dies das nahezu einzige Feld sein, in dem die Bischöfe hart bleiben? Ist die Verweigerung der Kirchensteuer die einzige Handlung, die automatisch zu einer unbarmherzigen Exkommunikation führt? Die nicht auf Verständnis und Dialog hoffen darf?

Der Philosoph Robert Spaemann sagte in einem Interview mit der „Welt“ treffend: „Dass den Gläubigen zugemutet wird, ein angemessenes Opfer zu bringen als Beitrag zu dem, was die Kirche braucht, ist in Ordnung. Das Skandalöse bei unserer Kirchensteuer ist hingegen, dass der, der keine Kirchensteuer mehr zahlt, exkommuniziert ist. Das hat der Vatikan schon vor längerer Zeit kritisiert und gesagt, dass diese deutsche Lösung nicht akzeptabel ist. Schauen Sie, Sie können die Auferstehung Jesu leugnen, dann werden Sie als Priester noch nicht mal suspendiert. Aber wenn es ans Geld geht, wird es ernst.“

Wohl verstanden: Es geht nicht um eine grundsätzliche Infragestellung kirchlicher Strukturen oder kirchlichen Engagements in der Welt. Daß die Kirche in der Gesellschaft auch durch karitative Einrichtungen, durch Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser usw. präsent ist und wirkt, ist etwas Positives. Und daß diese Einrichtungen Geld kosten, versteht sich von selbst. Benedikt XVI. hat schließlich auch ausdrücklich das Engagement der Gläubigen in Haupt- und Ehrenamt gelobt.

Wenn aber – um ein Beispiel herauszugreifen – für die vielen katholischen Kindergärten nicht genug Erzieherinnen gefunden werden können, die ihren Glauben tatsächlich leben und an die ihnen Anvertrauten weitergeben? Wenn ein solches Angebot einer wirklich religiösen Erziehung der Kinder von den meisten Eltern gar nicht nachgefragt wird? Wäre es dann nicht vernünftig, die Zahl der Einrichtungen zu reduzieren und in den verbleibenden für eine spirituelle Renaissance zu sorgen? Nicht um sich als eine Art „heiligen Rest“ in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, sondern um die Kräfte für eine Neuevangelisierung zu konzentrieren und zu sammeln. Zu einer Lageanalyse von bischöflicher Seite gehört auch das ehrliche Eingeständnis der derzeitigen spirituellen Schwäche in der katholischen Kirche in Deutschland. Und man sollte sich in bischöflichen Amtsstuben wirklich überlegen, ob es tatsächlich die Lösung sein kann, in den weniger werdenden spirituellen Wein immer mehr Wasser zu gießen – nach dem Motto: Hauptsache das Volumen bleibt gleich.

Wir werden sehen, was die nächsten Monate in dieser Hinsicht bringen. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, das jetzige Modell zu modifizieren. Weder müsste die Kirche in Deutschland finanziell austrocknen, noch alle ihre Angestellten arbeitslos werden. Aber ein Umdenken tut allemal not. Ein einfaches Weiter-So, wie von vielen Funktionären gewünscht, wird es sicher nicht geben. Für den Anstoß zu diesem Umdenken, sei unserem Papst Benedikt XVI. an dieser Stelle herzlich gedankt!

 

Thomas Steimer

 



 
 

Zitat des Moments

»Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. Das gilt für den einzelnen wie für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft.«

Selbstzitat Papst Benedikts XVI. aus seiner Enzyklika »Spe Salvi« zur Eröffnung einer Tagung der Päpstlichen Akademie für das Leben am 25.02.2008