Im Matthäusevangelium steht zur Ehescheidung: »Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus« (Mt 5,32). Die Parallelstellen bei Markus und Lukas haben diese Ausnahme für Unzucht nicht. Welche Stelle ist nun maßgebend? Und was bedeutet diese Ausnahme genau? Ist die Kirche strenger als Jesus, wenn sie Ehescheidung in jedem Fall verbietet?

 

An mehreren Stellen in der Heiligen Schrift sind uns Worte Jesu bezüglich der Ehescheidung bzw. der Wiederverheiratung überliefert, so etwa in Mk 10, 1-12 und in Lk 16,18. Diese beiden Stellen sind ganz eindeutig und lassen auch keinen Interpretationsspielraum zu.

Etwas anders sieht es aus, wenn wir die Stellen bei Matthäus nachlesen. Sowohl bei Mt 5,32 wie auch bei Mt 19,9 findet sich die »Unzuchtsklausel «. Den Worten der Ablehnung jeglicher Ehescheidung durch Christus wurde der Vorbehalt hinzugefügt: »(...) obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt«.

 

Nach jüdischer Rechtspraxis zur Zeit Jesu konnte der Mann seiner Frau einen »Scheidebrief« (Dtn 24, 1) ausstellen. Umstritten unter den Schriftgelehrten war die Frage, welche Voraussetzungen dafür vorliegen müssen.

Der strenge jüdische Gesetzesgelehrte Schammei hatte die Ausstellung des »Scheidebriefes « für den Fall von Unzucht, ansteckender Krankheit, geistiger Krankheit und Kinderlosigkeit erlaubt, der liberale Hillel sogar für praktisch alles, was dem Mann an seiner Frau mißfiel.

Durch Ehebruch wurde die Frau unrein. Levitische Reinheitsvorschriften geboten dem Ehemann, einer solchen Frau den Scheidebrief auszustellen, um nicht selber unrein zu werden. Die Frau besaß dieses Recht nicht.

 

Die kirchliche Tradition ist diesen Interpretationen nicht gefolgt. Wie aber ist die »Unzuchtsklausel« dann auszulegen? Eine endgültige Antwort darauf wird es wohl nicht geben. Zumal es keine wirkliche schlüssige Interpretation in der kirchlichen Tradition gibt.

Einige katholische Exegeten meinten, die Unzuchtsklausel sei radikal auszulegen: »Jeder, der seine Frau entläßt, auch (statt ›außer‹) wegen Unzucht, der macht, daß mit ihr die Ehe gebrochen wird.« Der griechische Urtext läßt eine solche Interpretation allerdings nicht zu, das entsprechende Wort kann nur mit »außer« übersetzt werden.

 

Die Unzuchtsklausel ist daher wohl am schlüssigsten folgendermaßen auszulegen: Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht in der Lage sind, eine treue Ehe einzugehen oder in keinster Weise beabsichtigen, in der Ehe dem Partner gegenüber treu zu sein. Aber gerade die Treue ist ein wesentliches Merkmal der Ehe. Bei jeder Eheschließung wird das Brautpaar gefragt, ob sie zur ehelichen Treue bereit sind. Im Vermählungsspruch wird diese Treue noch einmal versprochen.

 

Dazu heißt es im kirchlichen Gesetzbuch, dem Codex Iuris Canonici (CIC) im Can. 1101 §1: »Es wird vermutet, daß der innere Ehekonsens mit den bei der Eheschließung gebrauchten Worten oder Zeichen übereinstimmt.« Can. 1101 §2: »Wenn aber ein oder beide Partner durch positiven Willensakt die Ehe selbst oder ein Wesenselement der Ehe oder eine Wesenseigenschaft der Ehe ausschließen, ist ihre Eheschließung ungültig.«

 

Wenn jemand also diese eheliche Treue willentlich ausschließt oder die Fähigkeit für ein treues Leben nicht hat, kann eine solche Ehe für ungültig erklärt werden. Damit ist jedoch nicht eine einfache Untreue gemeint, sondern der tatsächliche willentliche Ausschluß oder eine tatsächliche Unfähigkeit zur Treue. Wenn eine solche Ehe vor einem kirchlichen Gericht für ungültig erklärt wird, kann es durchaus sein, daß über die betreffende Person ein Eheverbot verhängt wird.

 

Zusammengefaßt heißt dies: Eine gültig geschlossene Ehe kann und darf von Menschen niemals aufgelöst werden. Es gibt aber Fälle, in denen eine Ehe nur scheinbar geschlossen wird, z.B. durch Unfähigkeit zur oder willentlichem Ausschluß von Treue. In diesem Fall ist gar keine gültige Ehe zustande gekommen, dann darf ein Partner den andern auch »entlassen«.

 

(Pfr. Dr. Helmut Prader)

 

"Der Durchblick" Nr. 69, Mai 2010


 
 

Zitat des Moments

»Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kindesliebe zu den Eltern gründlich zu beseitigen.«

Hans Joachim Gamm, Mitautor der hessischen Sexualkunde-Richtlinien in seiner 1970 erschienenen Schrift »Kritische Schule – Emanzipation für Lehrer und Schüler.«