Diese Frage läßt sich nicht so einfach beantworten. Denn die verschiedenen Antwortversuche darauf neigen dazu, mehr Fragen aufzuwerfen als sie beantworten.

 

Manche sagen, Gott wäre halt so. Er sei unberechenbar und völlig souverän, könne also tun, was Ihm gefällt. Diese Aussage steht natürlich mit der Vorstellung von einem überaus liebenden Gott im Konflikt.

 

Andere versuchen dieses Problem damit zu lösen, daß die Bibel eben doch sehr menschlich geschrieben sei und echte »Miß-Verständnisse« beinhaltet. Demnach hätte Gott diese Aufforderung gar nicht gesagt, sei aber von den Gläubigen so verstanden worden.
Das aber wirft die Frage auf, wieso Gott den »Aufwand« treibt, zum Menschen zu sprechen, dann aber versäumt, dafür zu sorgen, daß Sein Wort auch zuverlässig zu den Adressaten, nämlich den Menschen gelangt.

 

Die Frage eingangs stellt genau diese beiden Pole gegenüber: Liebender Gott oder zuverlässige Bibel. – Um nicht in die eine oder die andere Falle zu geraten, müssen wir wohl mehrere Dinge gleichzeitig bedenken:

 

Es geht eigentlich um die gesamte »Theodizee-Frage«, also darum, wieso es überhaupt Leid in der Welt gibt, wo doch Gott allmächtig ist und alles ändern könnte.

Die Antwort darauf lautet zusammengefaßt: Gott will immer das Gute (weil Er liebt). Das Gute ist aber nicht das »Angenehme « oder äußerlich »Schöne«, sondern das, was im tiefsten Sinne und am Ende gut ist. In einer Welt, in der nie eine Sünde geschehen wäre (wie im Paradies), gäbe es kein Leid. Das Leid ist also nicht in sich erstrebenswert, im Gegenteil.

Seit die Sünde geschah, ist aber das Leid unvermeidbar. Man kann nur noch wählen, ob es sinnlos bleibt oder als liebendes Opfer gewinnbringend eingesetzt wird. Gott fordert uns zu diesem rettenden, die Sünde wieder heilenden Opferleiden auf, genauso wie Er selbst Seinen Kreuzweg gegangen ist.

 

In der Einschätzung, was entweder schlimm oder aber weniger tragisch für einen Menschen ist, gehen wir oft fehl. Das Sichtbare, Blutige und Spektakuläre fällt uns viel mehr ins Auge als das rein Geistige und Verborgene. Daß Menschen unter dem Schwert sterben scheint uns schlimm, daß aber der Glaube schwindet und die Liebe zu Gott erkaltet, kann leicht übersehen werden.

Gerade beim Volk Israel (und wohl ähnlich bei dem neuen Volk Gottes, der Kirche) ist es ein immerwährender Kampf zwischen Glaube und Lauheit. Der leibliche Tod – auch wenn er grausam und in mancher Hinsicht ungerecht geschieht – hat tatsächlich weniger Tragweite als wenn eine Seele verloren geht. Denn der leibliche Tod kommt auf jeden Fall und ist auch später tragisch und oberflächlich betrachtet ungerecht.

 

Gott steht in dem »Dilemma«, daß Seine Gedanken absolut vollkommen sind, der Mensch aber genau diese Vollkommenheit nicht verstehen kann. (Vgl. Joh 16,12-13: »Noch vieles habe Ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber Jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird Er euch in die ganze Wahrheit führen.« Vgl. auch Joh 3,12.) Also paßt Er sein Wort an das Verstehen-Können der Menschen an.

So spricht Er beispielsweise bei Abraham noch nicht gegen die Vielehe, obwohl Er das natürlich von Anfang an nicht möchte. Ähnlich gilt dies wohl auch bei der Frage, wie man wichtige Dinge (Bewahrung des Glaubens, Schutz vor der eigenen Ausrottung) verteidigen darf. In der Zeit des Alten Testamentes war die kriegerische Klärung – immer mit ungerechten und die menschliche Würde verletzenden Methoden – »selbstverständlich «, ein anderer Weg hätte die Menschen überfordert. (Man darf sich ruhig mal ausmalen, wie wir reagieren, wenn wir die Bergpredigt zu leben aufgetragen bekommen oder wenn Gott womöglich noch deutlicher Seinen Willen für uns heute sagen würde. Selbst die Frommen und Gutwilligen wären überfordert!)

 

In diesem Dilemma gilt für Gott wohl die Priorität: Zuerst das, was zum Heil und zur ewigen Rettung notwendig ist, dann die zeitlichen Methoden. In diesem Sinne kann man auch davon ausgehen, daß Menschen das was Gott ihnen offenbarte, falsch (im Sinne von »unvollständig« oder »einseitig«) verstanden haben und ihre eigene Vorstellung, wie etwas zu gehen hat, darüber gestülpt haben.

 

Hier ist immer wieder derselbe Gott – insbesondere der Heilige Geist im Amt der Kirche – wichtig, um zu unterscheiden zwischen dem richtigen Verständnis der Heiligen Schrift und ihrer menschlichen Gestalt.

 

(Pfr. Elmar Stabel)

 

"Der Durchblick" Nr. 71, September 2010


 
 

Zitat des Moments

»In diesem Priester-Jahr, das wir begehen, ermahne ich die Priester, vor allem die Seelsorger, selbst als erste ein tief sakramentales Leben zu führen, um den Gläubigen eine Hilfe zu sein. Die Feier der Sakramente soll von Würde und Schönheit geprägt sein, die persönliche Sammlung und die gemeinschaftliche Teilnahme, den Sinn für die Gegenwart Gottes und den missionarischen Eifer fördern.«

Papst Benedikt XVI. in der Generalaudienz vom 30.12.2009