Der Brauch, die Kreuze in den Kirchen zu verhüllen, ist im 10. Jh. entstanden. Er ist nur dadurch zu erklären, daß damals viele Kreuze mit Perlen besetzt waren und Jesus als den Gekreuzigten mit Königsmantel und Königskrone darstellten: Sie waren Darstellungen seines Leidens und seiner Auferstehung zugleich. Sie zu verhüllen, war eine Art von Trauer und Bußübung, die bewirken sollte, daß die Schönheit dieser Kreuze den Gläubigen zu Ostern wieder größere Freude bereiten würde.

Diese Übung wurde in der Folgezeit vielerorts auch auf Statuen und Bilder ausgedehnt.

 

Seit sich ab dem 13. Jh. eine eher naturgetreue Art der Kreuzesdarstellung durchgesetzt hat, ist eine überzeugende Begründung des Brauches schwer geworden.

Aus diesem Grund hat das derzeit geltende Römische Meßbuch von 1970 es den Bischofskonferenzen freigestellt, diesen Brauch für ihr Gebiet beizubehalten oder nicht. Die Bischofskonferenzen der deutschsprachigen Länder haben sich für die Beibehaltung entschieden.

Auch die Neuausgabe des Römischen Meßbuchs von 2002, dessen deutschsprachige Ausgabe in Vorbereitung ist, stellt dieselbe Entscheidung weiter den Bischofskonferenzen anheim.

 

Hilfreich für die Deutung des Brauches kann aber ein Hinweis auf eine Bestimmung des Meßbuchs für den Gründonnerstag sein. Dort heißt es, daß nach der Abendmahlsmesse die Kreuze, wenn möglich, aus der Kirche entfernt werden sollen und daß in der Kirche verbleibende Kreuze passenderweise verhüllt werden. Hier haben die deutschsprachigen Bischofskonferenzen die Anweisung verschärft: Sie »sollen … verhüllt werden«.

Die Enthüllung der Kreuze, einerlei ob sie vom 5. Fastensonntag oder vom Gründonnerstagabend an verhüllt sind, soll nach dem Karfreitagsgottesdienst geschehen, die Enthüllung der verhüllten Bilder kurz vor der Ostervigil (Angabe am Ende des Meßformulars vom Samstag vor dem 5. Fastensonntag).

Von daher erhält die Verhüllung der Kreuze auf jeden Fall den Sinn, daß das beim Karfreitagsgottesdienst in die Kirche hereinzutragende Kreuz dort ohne Konkurrenz erscheinen soll. Die Bilder dagegen werden zur Ostervigil, dem Höhepunkt des Kirchenjahres, den Gemeinden »wiedergeschenkt«.

Demnach kann man die Verhüllung als eine Vorbereitung auf die beiden Gottesdienste des Karfreitags und der Osternacht verstehen.

(Pfr. Dr. François Reckinger)

 

"Der Durchblick" Nr. 74, März 2011


 
 

Zitat des Moments

»Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. [...] Gott steht für den Gläubigen am Anfang, für den Physiker am Ende allen Denkens.«

Der Physiker und Nobelpreisträger Max Planck (1858-1947)