Die Bibel spricht nicht ausdrücklich vom Priesterzölibat. Jesus lebte vor allem selbst zölibatär und sagte allgemein zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, […] und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es« (Mt 19, 12): eine besondere Gabe und Berufung demnach.

Eher im Blick auf die Jünger, die mit ihm zusammenarbeiteten, sagt er an anderer Stelle: »Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat, wird schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten und in der kommenden Welt das ewige Leben« (Lk 18, 29-30). Frau und Kinder verlassen – die mildeste Deutung dafür ist: von vornherein auf Frau und Kinder verzichten.

 

Als Folge davon hat es von Anfang an in den christlichen Gemeinden Frauen und Männer gegeben, die freiwillig ehelos lebten. In der Gemeinde von Korinth kam sogar die Frage auf, ob nicht am besten gleich alle sich dafür entscheiden sollten.

Das veranlaßte den hl. Paulus, im 1. Korintherbrief das Thema anzuschneiden: Nur derjenige (junge Mann), der »in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist«, handelt richtig, wenn er sich entschließt, »seine Jungfrau [d. h. wohl seine Verlobte, F. R.] unberührt zu lassen « (1 Kor 37-38).

 

Unter den damaligen kirchlichen Amtsträgern scheinen die wandernden Apostel und Missionare eher im Zölibat gelebt zu haben, für die örtlichen Gemeindeleiter dagegen galt es geradezu als ein Auswahlkriterium für die Weihe, daß sie ihre Familie gut geführt und ihre Kinder gut erzogen hatten: »Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?« (1 Tim 3, 1-5).

Spätestens ab dem 4. Jahrhundert verlangte das allgemeine Empfinden in der Kirche, daß verheiratete Bischöfe, Priester und Diakone vom Tag ihrer Weihe an mit ihrer Frau in geschlechtlicher Enthaltsamkeit leben sollten, und es entstanden zunehmend regionale Kirchengesetze, die dies auch festschrieben.

Nachdem es im 11. Jahrhundert allgemein deutlich geworden war, daß viele Geistliche diese »Spielregel « nicht beachteten, verfügte Papst Gregor VII. für die gesamte lateinische Kirche, daß in Zukunft nur noch zölibatär lebende Männer zu den Weihen zugelassen würden.

 

Evangelische Christen, die das Thema anschneiden, verweist man am besten auf das heutige Wiederaufleben des Zölibats in ihren Reihen, vor allem in der Mönchsgemeinde von Taizé in Frankreich: wohl der einzige protestantische »Wallfahrtsort« weltweit und Anziehungspunkt vor allem für Jugendliche.

(Pfr. Dr. François Reckinger)

 

"Der Durchblick" Nr. 75, Mai 2011


 
 

Zitat des Moments

»Die Tyrannei kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht.«

Der französische Schriftsteller und Politiker Alexis de Tocqueville (1805-1859)