Der Katechismus der Katholischen Kirche stellt zu dieser Frage lapidar fest, daß mit dieser Vaterunser-Bitte nicht gemeint sei, daß Gott die Versuchung zum Bösen bewirkt, sondern daß wir Ihn bitten, uns dabei zu bewahren.

 

Um diese Aussage der Kirche zu verstehen, ist es zunächst einmal wichtig zu wissen, daß die griechische Formulierung (die uns heute als ältester Text vorliegt) zwar eher im Sinne der heutigen Formulierung verstanden werden kann, aber doch auch offen ist für die Übersetzung »... und bewahre uns in der Versuchung«.

Hinzu kommt, daß das Vaterunser von Jesus und dann den Jüngern aramäisch gesprochen wurde. Wenn die Sprachkundler nun überlegen, wie wohl diese aramäische Formulierung gewesen sein müßte und wie sie zu verstehen ist, dann kommt noch mehr heraus, daß darin Gott nicht als Versucher gesehen wird, sondern als der, der in der Versuchung hilft.

Nun bleibt aber doch die Frage, warum die griechische und die nachfolgenden Übersetzungen in viele Sprachen das nicht deutlicher ausdrücken. Hierzu ist es gut, zu bedenken, was das Alte (und später auch das Neue) Testament über Gott lehrt:

 

Gott ist souveräner Herr über alle Schöpfung. Ohne Ihn kann nichts existieren oder geschehen. Das gilt auch bei denjenigen Geschöpfen, die sich gegen Ihn aufgelehnt haben wie etwa der Teufel oder die anderen gefallenen Engel. Zwar ist ihnen die Freiheit gegeben, Böses zu wollen und auch zu tun. Dennoch muß Gott jedesmal Seine Zustimmung geben, weil ohne Ihn nichts entstehen oder erhalten werden kann.

Im Buch Hiob ist das deutlich beschrieben. Dort tritt der Versucher an Gott heran und versucht Gott gegen den braven Hiob aufzubringen (was natürlich nicht gelingt), dann aber wenigstens etwas Böses gegen ihn tun zu dürfen. Und das darf er dann nur in den Grenzen, die Gott vorgibt.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß Gott nie zum Bösen führt, aber daß er solche Angriffe zuläßt, damit der Mensch sich bewährt und zu einer willensstarken, gottähnlichen Person heranwächst. Anders ist es bei dem Versucher, der das Böse will und möchte, daß wir am Ende im Bösen kaputt gehen. Aber ohne die Erlaubnis Gottes kann nichts – auch nichts Böses – geschehen.

 

In der Vaterunser-Bitte geht es also zum einen darum, daß keine Versuchungen erlaubt werden, die uns zerstören. Wir bitten dabei um etwas, was Gott ohnehin so tut, aber wir verbinden dabei unseren Willen mit Seinem, ähnlich wie das geschieht, wenn wir um die Liebe Gottes oder sonst etwas Gutes bitten.

Zum anderen und vor allem aber bitten wir darum, daß Gott in Seiner Weisheit uns auf dem Weg der (notwendigen) Prüfungen führt, damit eben das Gute und nicht das Böse (das der Versucher im Blick hat!) herauskommt. In diesem Sinne wurde die Formulierung vorgeschlagen (die man »im Hinterkopf« haben kann): »Führe mich in der Versuchung.«

(Pfr. Elmar Stabel)

 

"Der Durchblick" Nr. 77, September 2011


 
 

Zitat des Moments

»Das Kreuz abhängen, es auf den privaten Raum beschränken oder es verstecken, kommt einer Kapitulation und einer kulturellen wie religiösen Selbstverleugnung gleich. Mit ihr werden wir nicht Achtung, sondern Verachtung der Andersgläubigen ernten.«

Walter Kardinal Kasper gegenüber dem Magazin »Focus« (52/2006)