Nicht von »Göttersöhnen« ist in Genesis 6, 1-4 die Rede, sondern von »Gottessöhnen«: so jedenfalls die maßgeblichen Übersetzungen. Die Stelle lautet:

»Als sich die Menschen […] zu vermehren begannen […], sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel […] In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen […], nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit …«

 

Über die Zeit vor Abraham wußten die Israeliten in Wirklichkeit ebenso viel wie alle Völker über ihre eigene Vorgeschichte, d. h. so gut wie gar nichts. Wie alle anderen Völker hätten sie jedoch gern etwas darüber gewußt, und aus diesem Bedürfnis heraus entstanden überall Sagen und Legenden.

 

Diese Geschichten stellten einen großen Teil der Kultur der Völker dar. Als darum Gott daranging, innerhalb des Volkes Israel Offenbarung zu schenken und heilige Schriften entstehen zu lassen, zerstörte er die beliebtesten Überlieferungen dieses Volkes nicht. Vielmehr baute er sie ein in das Projekt, das er mit diesem Volk vorhatte: in die Geschichte unseres Heiles.

Dabei erfuhren die alten Sagen vor allem eine grundlegende Änderung: Wo vorher darin von einer Vielzahl von Göttern die Rede war, die einander vielfach bekämpften und beraubten, da wurde ein solcher Unsinn aus der Überlieferung Israels ausgeschieden und die vielen Götter durch den einen Gott ersetzt. Vom Rest aber blieb vieles erhalten, und das fand Gott offenbar gut so.

 

Sollten daher die himmlischen Wesen, von denen an der zitierten Genesis-Stelle die Rede ist, in vorbiblischer Zeit als »Göttersöhne« verstanden worden sein, ist das innerhalb der Bibel nicht mehr der Fall. Gemeint sein können seither nur noch himmlische Wesen, die von Gott geschaffen sind, mit anderen Worten: Engel.

 

So werden sie tatsächlich im Judasbrief, Vers 6, verstanden. Dieser Brief nutzt die Legende als Beispiel für eine moralische Standpauke – er macht sie dadurch jedoch nicht zu einem geschichtlich zutreffenden Bericht. Der Inhalt der Legende ist, daß Engel Geschlechtsgemeinschaft mit menschlichen Frauen praktiziert hätten.Das Ergebnis davon seien die aus diesen Verbindungen geborenen »Riesen« der Vorzeit gewesen; die Engel, die das getan hätten, so der Judasbrief, hätten damit »ihren hohen Rang mißachtet« und sich die ewige Verdammnis zugezogen.

Die Genesis dagegen spricht von keiner Bestrafung der betreffenden »Gottessöhne«, sondern nur von den Folgen des Vergehens aufseiten der Menschen: Gott »bestraft« diese insgesamt, indem er ihre vorher geltende (ebenfalls legendäre) Lebenserwartung von bis zu gut 900 Jahren (Genesis 5, 27) auf 120 reduzierte (6, 3).

 

Daß Engel in Wirklichkeit Geistwesen sind und daher Sexualität und sexuelle Betätigung für sie nicht in Frage kommt, geht hervor aus der Antwort Jesu an die Sadduzäer: Mt 22, 30; Mk 12, 25; Lk 20, 36.

(Pfr. Dr. François Reckinger)

 

"Der Durchblick" Nr. 78, November 2011


 
 

Zitat des Moments

»Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als Goodwill-Geste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten.«

Der Journalist Henryk M. Broder in der Frankfurter Paulskirche am 24.06. 2007